Intuitives Malen beginnt für mich mit einer einfachen Frage:
Was brauche ich jetzt?
Vielleicht zieht dich eine bestimmte Farbe an. Vielleicht möchtest du mit einem breiten Pinsel über das Papier fahren, etwas ganz fein zeichnen, Farbe fließen lassen oder mit den Händen arbeiten.
Beim intuitiven Malen folgst du zunächst dem, was dich im Moment anspricht. Dabei kann ein Bild entstehen, das du vorher weder geplant noch im Kopf hattest.
Und genau das macht diese Art des Malens so spannend: Du gestaltest nicht nur ein Bild. Du kannst während des Malens auch etwas darüber erfahren, was dir guttut, was dich beschäftigt und wie du gerade mit dir und deinem Bild umgehst.

Intuitiv malen heißt: wahrnehmen und darauf reagieren
Intuitives Malen wird sehr unterschiedlich verstanden und unterrichtet.
Für mich bedeutet es, während des Gestaltens immer wieder wahrzunehmen:
Was möchte ich jetzt?
Welche Farbe spricht mich an? Möchte ich etwas hinzufügen oder wegnehmen? Brauche ich Ruhe und kleine Bewegungen oder möchte ich mich mit dem ganzen Arm über ein großes Papier bewegen?
So entwickelt sich das Bild Schritt für Schritt.
Dabei darfst du durchaus gegenständlich malen. Intuitives Malen bedeutet für mich nicht automatisch abstraktes Malen oder wildes Verteilen von Farbe.
Vielleicht entsteht ein Baum, ein Tier, eine Landschaft, eine Figur oder ein Mandala. Entscheidend ist weniger, was du malst, sondern wie sehr du währenddessen bei dir und deinen eigenen Entscheidungen bleibst.
Schon die Wahl des Materials kann interessant sein
Materialien laden uns zu ganz unterschiedlichen Erfahrungen ein.
Aquarellfarbe fließt, vermischt sich und lässt sich nur begrenzt kontrollieren. Das kann wunderbar sein, wenn du gerade Lust auf Leichtigkeit und Überraschungen hast.
Mit Pastellkreiden kannst du kräftig aufdrücken, sanft verwischen oder unmittelbar mit den Fingern arbeiten.
Ein dünner Stift lädt eher zu Linien, kleinen Formen und Details ein.
Ein breiter Pinsel ermöglicht große Bewegungen.
Ton wiederum gibt Widerstand. Du kannst drücken, kneten, aufbauen, zerstören und neu formen.
Deshalb gibt es für mich beim intuitiven Malen nicht das eine richtige Material.
Vielleicht tut dir heute das Fließende gut. Morgen brauchst du möglicherweise etwas ganz anderes.
Kleine Muster oder große Schwünge?
Auch das finde ich beim Malen sehr interessant.
Manche Menschen entspannen sich wunderbar dabei, kleine Linien, Punkte und wiederkehrende Muster zu zeichnen. Die Begrenzung und Wiederholung geben ihnen Ruhe.
Andere werden dabei erst recht unruhig und möchten mit einem großen Pinsel über das ganze Blatt fahren.
Große Schwünge können sich befreiend anfühlen. Spritzer und Kleckse können Spielfreude wecken. Wiederholungen können beruhigen. Feine Details können Konzentration schenken.
Aber daraus würde ich heute keine allgemeine Regel machen.
Denn nicht jeder Mensch braucht beim Malen dasselbe – und auch derselbe Mensch braucht nicht jeden Tag dasselbe.
Viel spannender ist deshalb die Frage:
Was tut mir heute gut?

Nicht nur WAS du malst ist interessant – sondern WIE
Hier beginnt für mich ein besonders spannender Teil der Selbsterfahrung.
Beobachte dich einmal beim Malen.
Wie hältst du deinen Pinsel?
Malst du mit viel Druck oder berührst du das Papier beinahe vorsichtig?
Arbeitest du schnell oder langsam?
Nimmst du viel Farbe oder ganz wenig?
Wählst du ein großes oder kleines Papier?
Füllst du die ganze Fläche oder bleibt sehr viel frei?
Beginnst du eher in der Mitte oder am Rand?
Drehst du dein Papier während des Malens?
Bleibst du lange an einer Stelle oder springst du von einem Bereich zum anderen?
Übermalst du etwas, wenn es dir nicht gefällt – oder fällt dir genau das schwer?
Und was passiert mit deinem Körper? Sitzt du plötzlich ganz angespannt da? Hältst du den Atem an? Rückst du immer näher ans Bild? Stehst du auf, weil du mehr Bewegungsfreiheit möchtest? Musst du bei einer bestimmten Stelle plötzlich lächeln?
All diese kleinen Beobachtungen müssen nichts Bestimmtes bedeuten.
Aber sie können interessante Fragen öffnen.
Das Bild ist kein Persönlichkeitstest
Das ist mir heute besonders wichtig.
Ein roter Fleck bedeutet nicht automatisch Wut. Ein kleines Bild beweist keine Unsicherheit. Und aus einer bestimmten Pinselhaltung lässt sich nicht zuverlässig eine Persönlichkeit ablesen.
Ein Bild braucht seinen Menschen und seinen Zusammenhang.
Deshalb würde ich heute nicht sagen: „Dein Bild verrät mir, wer du bist.“
Ich würde dich vielmehr fragen:
- Was bedeutet diese Stelle für dich?
- Was hast du empfunden, als du sie gemalt hast?
- Was gefällt dir daran?
- Wo möchtest du am liebsten sofort etwas verändern?
- Und kennst du dieses Gefühl vielleicht aus deinem Alltag?
- Plötzlich wird aus einem kleinen Detail im Bild ein Gespräch mit dir selbst.
Was passiert, wenn etwas schiefgeht?
Gerade diese Momente liebe ich beim intuitiven Malen.

Die Farbe läuft an eine Stelle, an der du sie überhaupt nicht haben wolltest.
Ein schöner Bereich wird versehentlich übermalt.
Das Papier wellt sich.
Der Farbton sieht vollkommen anders aus als erwartet.
Jetzt kannst du dich beobachten.
Ärgerst du dich sofort? Versuchst du, den „Fehler“ möglichst schnell unsichtbar zu machen? Verlierst du die Lust? Oder wirst du neugierig und schaust, was du daraus machen kannst?
Das Bild bietet dir einen geschützten Raum zum Ausprobieren:
Was passiert, wenn ich nicht gegen das Unerwartete kämpfe, sondern damit weiterarbeite?
Manchmal entstehen genau daraus die interessantesten Stellen eines Bildes.
Bilder über längere Zeit betrachten
Ein einzelnes Bild ist eine Momentaufnahme.
Viel spannender kann es werden, wenn du deine Bilder über Wochen oder Monate sammelst.
Vielleicht taucht eine bestimmte Form immer wieder auf. Vielleicht verwendest du plötzlich Farben, die früher kaum vorkamen. Vielleicht werden deine Bilder größer, freier, ruhiger, kräftiger oder detaillierter.
Auch das würde ich nicht vorschnell deuten.
Aber du kannst dich fragen:
Was hat sich in dieser Zeit in meinem Leben verändert?
Was erkenne ich heute in diesen Bildern, das mir damals noch nicht bewusst war?
So können Bilder zu Spuren deiner eigenen Entwicklung werden.

Intuitives Malen und Biografiearbeit
Auch Erinnerungen können beim Malen auftauchen.
Ein Farbton erinnert dich vielleicht an die Küche deiner Großmutter. Ein gemalter Baum an einen Ort aus deiner Kindheit. Ein bestimmtes Muster an die Tapete im Elternhaus.
Solche Verbindungen können ein wunderbarer Ausgangspunkt für Biografiearbeit sein.
Dabei interessiert mich nicht nur das Schwierige.
Gerade in unserer Lebensgeschichte liegen auch Ressourcen: Dinge, die wir geliebt haben, Menschen, bei denen wir uns wohlgefühlt haben, Orte, Gerüche, Farben, Tätigkeiten und Fähigkeiten, die irgendwann in den Hintergrund geraten sind.
Beim Malen können wir diesen Erinnerungen wieder Raum geben.
Aus der Frage „Was war damals?“ kann dadurch auch eine neue Frage entstehen:
Was davon möchte ich heute wieder in mein Leben holen?
Farbe und Symbole, haben sie eine feste Bedeutung?
Farben und Symbole können starke persönliche und kulturelle Bedeutungen haben.
Rot kann für einen Menschen Wärme und Geborgenheit bedeuten, weil die Küche seiner Kindheit rot war. Für einen anderen steht dieselbe Farbe vielleicht für Kraft, Liebe, Alarm oder etwas vollkommen anderes.
Genauso kann ein Baum für Wachstum stehen – oder schlicht für den Apfelbaum im Garten der Großeltern.
Deshalb finde ich Symbolwissen interessant, aber ich würde es nicht über die persönliche Bedeutung eines Menschen stellen.
Ich kann dir Möglichkeiten und Fragen anbieten.
Die Bedeutung deines Bildes gehört zunächst dir.

Und was ist mit Chakren und energetischem Malen?
Auch damit habe ich mich in meiner Arbeit viele Jahre beschäftigt.
Das Chakrasystem kann beim Malen als spirituelles Symbolsystem genutzt werden. Farben und Lebensthemen werden dabei bestimmten Chakren zugeordnet – beispielsweise Rot dem Wurzelchakra und Themen wie Verwurzelung und Sicherheit oder Grün beziehungsweise Rosa dem Herzchakra und Themen rund um Liebe und Mitgefühl.
Wer mit diesem Modell etwas anfangen kann, kann solche Zuordnungen als Malimpuls zur persönlichen Reflexion verwenden.
Ich würde heute jedoch nicht behaupten, dass man anhand eines Bildes medizinisch feststellen kann, ein Chakra sei blockiert, oder dass eine bestimmte Farbe körperliche oder psychische Erkrankungen heilt.
Für mich liegt der Wert vielmehr darin, dass ein Symbolsystem Fragen anregen kann:
- Was gibt mir Sicherheit?
- Wo fühle ich mich zugehörig?
- Was bedeutet Liebe für mich?
- Wo wünsche ich mir Veränderung?
- Und daraus kann wiederum ein sehr persönliches Bild entstehen.
Ist intuitives Malen heilsam?
Das Wort „heilsam“ benutze ich heute bewusster als früher.
Malen kann wohltuend sein. Es kann Freude machen, Entspannung ermöglichen, Ausdruck geben, Erinnerungen anregen und dabei helfen, Gedanken und Gefühle aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Das alles kann sich für einen Menschen sehr heilsam anfühlen.
Aber intuitives Malen ist nicht automatisch eine Therapie und ersetzt keine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung.
Wenn ich heute von „heilsamem Malen“ spreche, meine ich deshalb vor allem einen kreativen Prozess, der Selbstwahrnehmung, Selbstfürsorge und persönliche Entwicklung unterstützen kann.
Intuitives und bewusstes Malen – wo liegt der Unterschied?
Die Grenzen sind fließend.
Beim intuitiven Malen kann die Ausgangsfrage sehr offen sein:
Was brauche ich jetzt?
Beim bewussten Malen gebe ich dem Malprozess dagegen von Anfang an eine bestimmte Absicht oder ein Thema.
Zum Beispiel:
Was gibt mir Kraft?
Was möchte ich loslassen?
Wie fühlt sich Geborgenheit für mich an?
Was wünsche ich mir für meinen nächsten Lebensabschnitt?
Dann können Farben, Collagen, Fotos, Ton, kreatives Schreiben, Bildergeschichten oder andere gestalterische Mittel hinzukommen.
Intuition und Bewusstsein schließen sich dabei nicht aus.
Im Gegenteil: Für mich ergänzen sie sich.
Ein kleiner Malimpuls für dich:
Wenn du es ausprobieren möchtest, nimm ein Blatt und lege einige Farben vor dich.
Bevor du beginnst, frage dich:
Was brauche ich jetzt?
Versuche nicht, die Antwort unbedingt in Worte zu fassen.
Schau deine Farben an.
Welche möchtest du nehmen?
Beginne damit.
Nach einigen Minuten hältst du kurz inne und fragst wieder:
Was brauche ich jetzt?
Vielleicht mehr Farbe. Vielleicht Ruhe. Vielleicht einen kräftigen Strich. Vielleicht etwas ganz Feines. Vielleicht möchtest du etwas übermalen oder dein Blatt drehen.
Und wenn du irgendwann das Gefühl hast: Jetzt ist es gut, hörst du auf.
Dann betrachte dein Bild mit etwas Abstand.
Nicht zuerst:
Ist es schön?
Sondern:
- Wie ging es mir beim Malen?
- Welche Stelle mag ich besonders?
- Wo wurde es schwierig?
- Was hat mich überrascht?
- Und gibt es etwas aus diesem Malprozess, das ich mit in meinen Alltag nehmen möchte?
- Damit hast du bereits einen kleinen intuitiven Malprozess erlebt.

Aus dem intuitiven Malen ist mehr für mich entstanden
Über viele Jahre habe ich mit intuitivem, bewusstem, biografischem, spirituellem und kunsttherapeutisch orientiertem Gestalten gearbeitet und erlebt, wie unterschiedlich Menschen über Bilder Zugang zu sich selbst finden.
Dabei wurde für mich immer deutlicher:
Es gibt nicht die eine richtige Art zu malen.
Manchmal brauchen wir Freiheit. Manchmal eine Aufgabe. Manchmal große Bewegungen und manchmal kleinste Muster. Manchmal möchten wir tief in ein Thema eintauchen – und manchmal tut es einfach gut, einen Nachmittag lang mit Farben zu spielen.
Aus diesen Erfahrungen ist mein heutiger Ansatz des Liebevollen Malens gewachsen.
Auf Pinseltante habe ich ausführlich beschrieben, was ich darunter verstehe, welche sieben Arten des Malens darin zusammenkommen und warum mir dieser Begriff heute besser entspricht.
