Du bist vollkommen – genau jetzt

Der kleine Pfau hat es eilig 🦚

Der kleine Pfau betrachtete sein Gefieder. Ein paar wunderschöne bunte Federn waren schon da. Vollkommen sollen sie aber sein. – Eigentlich hätte er sich darüber freuen können. Aber heute sah er nur das, was noch fehlte.

„Das kann doch noch nicht alles sein“, murmelte er und drehte sich hin und her. Er wusste schließlich, wie ein großer Pfau aussehen konnte. Prächtig sollte sein Gefieder einmal werden. Riesengroß und wunderschön. Darauf freute er sich schon lange.

Nur dauerte ihm das alles viel zu lange. „Wenn ich erst meine großen Federn habe“, dachte er, „dann bin ich endlich richtig.“

Neben ihm stand ein kleines grünes Fantasiewesen. Es hatte Blätter auf dem Kopf, Blätter an den Armen und überhaupt wusste niemand so genau, was es eigentlich war. Das schien ihm allerdings überhaupt nichts auszumachen.

Es schaute den Pfau eine Weile an. „Was machst du da?“ – „Ich warte.“ – „Worauf?“ – „Darauf, dass ich endlich fertig bin.“

Wie sieht eigentlich „fertig“ aus?

Das Fantasiewesen legte den Kopf schief. „Wie sieht denn dieses Fertig aus?“

Der kleine Pfau musste nicht lange überlegen. „Größer natürlich. Mit langen, prächtigen Federn. Und ich bin bestimmt mutiger. Und schlauer. Und überhaupt weiß ich dann viel mehr.“

„Aha“, sagte das Fantasiewesen. „Und dann?“

„Dann bin ich fertig.“

Das Fantasiewesen begann zu kichern. „Was ist denn daran so lustig?“, fragte der Pfau ein bisschen beleidigt.

„Na ja“, sagte es. „Wenn du fertig bist, wächst dann keine neue Feder mehr? Lernst du nichts mehr? Entdeckst du nichts mehr? Verändert sich nichts mehr?“

Der kleine Pfau schwieg. Darüber hatte er noch nie nachgedacht.

Vielleicht gibt es gar kein Fertig 🌱

„Vielleicht“, sagte das Fantasiewesen, „gibt es dieses Fertig überhaupt nicht.“

Der Pfau schaute es mit großen Augen an. „Aber ich werde doch noch wachsen!“

„Natürlich. Ich auch.“

Das Wesen betrachtete seine Blätter. Einige waren groß, andere winzig. Manche leuchteten kräftig grün und eines wurde gerade ein bisschen gelb.

„Morgen sehe ich vielleicht schon anders aus als heute. Und nächstes Jahr erst! Aber deshalb fehlt mir doch heute nichts.“

Der kleine Pfau schaute wieder auf seine Federn. Zum ersten Mal betrachtete er sie nicht als die viel zu kleinen Federn, die irgendwann einmal groß werden sollten.

Er betrachtete sie einfach als seine Federn von heute.

Und plötzlich gefielen sie ihm.

Vielleicht bist du in jedem Moment vollkommen 🧡

Vielleicht machen wir Menschen es manchmal genauso wie der kleine Pfau. Wir tragen Bilder in unserem Kopf davon, wie wir irgendwann sein möchten. Was wir bis dahin geschafft haben müssten. Was wir können sollten. Wie wir aussehen, leben oder uns fühlen müssten.

Wir dürfen Wünsche haben, lernen, wachsen und uns verändern. Schwierig wird es nur, wenn aus einem Wunsch ein Maßstab wird und wir anfangen zu glauben: Erst wenn ich dort angekommen bin, bin ich richtig.

Vielleicht rennen wir dann einem „Fertig“ hinterher, das es gar nicht gibt. Denn kaum sind wir irgendwo angekommen, wartet wahrscheinlich schon die nächste Vorstellung darauf, wie wir noch sein könnten.

Und während wir versuchen, irgendwann richtig zu werden, übersehen wir womöglich den einzigen Menschen, der gerade wirklich da ist:

uns selbst.

Illustration zwei vollkommen richtige Mädchen

Du bist nicht die unfertige Version von dir

Du stehst heute dort, wo du gerade stehen kannst – mit deinen Erfahrungen, deinen Möglichkeiten, deinen Entscheidungen und allem, was bisher zu deinem Leben gehört.

Morgen wirst du vielleicht etwas Neues wissen. Du wirst eine Erfahrung mehr gemacht haben, anders denken, etwas loslassen oder etwas Neues entdecken. Aber dann bist du nicht richtiger oder vollständiger als heute.

Du bist einfach wieder du – an einem anderen Punkt deines Weges.

Der kleine Pfau ist heute nicht die unfertige Version des großen Pfaus, der er einmal sein wird. Er ist heute ein ganzer kleiner Pfau.

Vielleicht bedeutet vollkommen also gar nicht, perfekt zu sein. Vielleicht bedeutet es vielmehr, in diesem Augenblick ganz da zu sein – genauso, wie du jetzt gerade bist.

Genau hier findet dein Leben statt ☀️

Das Fantasiewesen zupfte vorsichtig an einem seiner Blätter. „Weißt du“, sagte es, „du kannst dein ganzes Leben darauf warten, irgendwann fertig zu sein.“

„Oder?“, fragte der Pfau.

„Oder du lebst schon mal.“

Der kleine Pfau musste lachen. Dann stellte er sich in die Sonne, reckte den Kopf nach oben und spreizte seine paar kleinen bunten Federn so weit auseinander, wie er konnte.

Sie waren noch nicht so groß, wie sie eines Tages sein würden. Aber in diesem Moment fehlte ihnen nichts.

Und vielleicht gilt das auch für dich. Du darfst dich entwickeln. Du darfst Wünsche haben, Neues lernen, wachsen und dich verändern. Du musst nicht stehen bleiben, um dich heute anzunehmen.

Denn Veränderung bedeutet nicht automatisch, dass mit dem, was vorher da war, etwas nicht gestimmt hat.

Du bist vollkommen – genau jetzt 🧡

Vielleicht musst du nirgendwo ankommen, um endlich gut genug zu sein. Vielleicht gibt es dieses große „Fertig“, dem so viele hinterherlaufen, überhaupt nicht.

Du bist heute der Mensch, der du heute sein kannst. Morgen darfst du dich verändern. Übermorgen wieder. Und jeder dieser Augenblicke gehört zu dir.

Der kleine Pfau wird eines Tages sein großes Gefieder tragen. Aber deshalb ist der kleine Pfau von heute nicht weniger wertvoll.

Du bist gut so, wie du bist.

Nicht irgendwann.

Genau jetzt. 🧡

Ähnliche Beiträge